"Auf ein Wort ..."

Mensch werden

 

Mensch werden ist mehr als geboren werden. Es bedeutet, Schritt für Schritt Verantwortung zu übernehmen, Freiheit zu gestalten und Sinn zu suchen. Anthropologisch zeigt es sich darin, dass wir Sprache lernen, Beziehungen knüpfen und Teil einer Kultur werden. Der Mensch ist nicht fertig, sondern bleibt ein „Werdender“ – offen, verletzlich, aber auch fähig zu wachsen.

Philosophen wie Aristoteles sahen den Menschen als „zoon politikon“, als ein Wesen, das erst in der Gemeinschaft seine Bestimmung findet. Für ihn war das Menschwerden eng mit der Verwirklichung von Vernunft und Tugend verbunden. Später betonte Immanuel Kant die Autonomie: Menschsein bedeutet, sich selbst Gesetze zu geben und moralisch verantwortlich zu handeln. Existenzphilosophen wie Jean-Paul Sartre gingen noch weiter: Der Mensch ist „zur Freiheit verurteilt“ – er muss sich selbst entwerfen, ohne vorgegebene Essenz. Menschwerden heißt hier, Verantwortung für die eigene Existenz zu übernehmen und Sinn zu schaffen.

Gerade Weihnachten erinnert uns daran: Gott wird Mensch, nicht als fertiger Herrscher, sondern als Kind, das angewiesen ist auf Fürsorge und Gemeinschaft. Dieses Bild macht deutlich, dass Menschwerden immer mit anderen geschieht. Wir werden Mensch, indem wir einander  anerkennen, lieben und Verantwortung füreinander übernehmen.

So lädt das Fest der Menschwerdung dazu ein, über unser eigenes Werden nachzudenken: Wo sind wir noch unterwegs? Wo brauchen wir andere, um wirklich Mensch zu sein? Und wo können wir selbst dazu beitragen, dass andere in ihrem Menschsein wachsen?

Sr. Anna Kurz, Graz

Rainer Maria Rilke: Was mich bewegt

Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann; alles ist austragen und dann Gebären...

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit ...

Man muss Geduld haben, gegen das Ungelöste im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein.

 

Bild 1: Krippe der Grazer Ursulinen, Foto von Sr. Franziska Trummer
Bild 2: KI-generiert mit Microsoft-Copilot - Sr. Anna Kurz

 

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„Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr.
Der Planet braucht dringend Friedensstifter:innen,
Heiler:innen, Erneuer:innen, Geschichtenerzähler:innen
und Liebende aller Art.“

Dalai Lama